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Christina B.
 
Von REINHARD KECK und ANCA ENOIU
29.01.201201:42 Uhr
BILD am Sonntag

Ein trüber Himmel hängt über dem Friedhof von Salonta im Westen Rumäniens. Krähen fliegen erschrocken auf, als die Glocken der Kapelle läuten. Etwa 100 Trauernde haben sich an dem Grab versammelt. Männer in dunklen Anzügen lassen einen hellen Sarg in die Erde gleiten. Der Priester hebt die Arme, spricht ein letztes Gebet.

Am vergangenen Freitag hat Cristina B. ihre letzte Ruhe gefunden; in Salonta, einer Kleinstadt mit 15 000 Einwohnern im rumänisch-ungarischen Grenzgebiet. Gestorben war Cristina B. eine Woche zuvor in Deutschland, im 1500 Kilometer entfernten Düsseldorf, in der Suite 610 des Nobelhotels „Radisson Blu“.

Am 20. Januar um 9.30 Uhr hatte ein Zimmermädchen Cristinas Leichnam gefunden, nackt und blutüberströmt lag sie in dem Zimmer, der ganze Körper von Stichwunden übersät. Cristina wurde 25 Jahre alt.

Als dringend tatverdächtig gilt Arif D., ein Unternehmer aus Dormagen, der zwei Tage mit Cristina in der Suite gewohnt hatte. Das Verbrechen gibt einige Rätsel auf, doch die Ermittler sind sich sicher, dass es eine „Beziehungstat“ war. Der 42-jährige Deutsch-Türke ist mittlerweile nach Ankara geflohen, wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er bestreitet die Tat.

Klar ist: Die hübsche junge Frau arbeitete zuletzt als Prostituierte. Wenn sie nachts mit fremden Männern in Hotels in Düsseldorf oder Köln eincheckte, wurde aus Cristina die „süße Vivien“. Sie hatte viele Kunden, erzählen ihre Bekannten aus der Rotlicht-Szene. Das Escort-Girl galt als hübsch, sexy und schlau, sprach Englisch, Spanisch und Deutsch fließend. Sie habe sich, so sagt es eine Kollegin, aus den Hinterhof-Puffs in die edlen Hotels hochgearbeitet. „Cristina wollte ein besseres Leben und hat es für eine Weile gefunden“, erzählt die Liebesdame. Ein Leben, von dem sie in ihrer rumänischen Heimat immer geträumt hatte.

Wir machen uns vor Ort ein Bild: Ein schlammiger, von Schlaglöchern zersetzter Weg schlängelt sich durch die kleine Siedlung im Norden Salontas. Die Region im Kreis Bihor gilt als eine der ärmsten Europas. Kinder mit dreckigen Kleidern jagen auf rostigen Rädern über die Straße. In der Strada Ciprian Porumbescu steht das Haus mit der Nummer 14, umgeben von einem Zaun, bewacht von einem Hund.

In diesem Haus wuchs Cristina auf. Vielleicht haben Maria und Bujor Titus B., beide gläubige Baptisten, tatsächlich angenommen, ihre Tochter sei „Angestellte einer Reiseagentur“. Das hatte Cristina zu Hause erzählt, wenn jemand nach ihrem Job in Deutschland fragte. Seit vergangener Woche wissen die Eltern: Ihre Tochter ist tot. Und sie wissen auch, dass sie ihren Körper verkaufte. Jeden Monat hatte Cristina rund 1000 Euro in die Heimat geschickt. „Cristina war mein Sonnenschein“, sagt Vater Bujor Titus. „Sie ging ins Ausland, um sich etwas aufzubauen.“ An Neujahr sei sie noch zu Besuch gewesen, habe Pläne gehabt, zurück nach Rumänien zu kommen. Alle hätten sich darauf gefreut, die Familie, die Nachbarn. Immerhin sei sie schon vier Jahre von zu Hause weg gewesen, die Cristina. Viel zu lange. „Die Cristina ist schon als Kind immer besonders fröhlich gewesen“, sagt eine Dorfbewohnerin. „Und sie war eine Schönheit. Jeder der Jungs hier drehte sich nach ihr um.“ Dann deutet die Frau auf die dreckige Straße und die windschiefen Häuser und sagt: „Aber was soll ein junges Mädchen hier tun? Die jungen Menschen träumen vom Luxus, sie gehen nach Deutschland oder England, arbeiten im Tourismus oder in Restaurants.“

Wir sind wieder in Deutschland: Ein alter Backsteinbau im Düsseldorfer Stadtteil Heerdt, unten eine Kneipe, darüber billige Mietwohnungen. Vor zwei Jahren begann hier Cristinas Karriere als Escort-Lady Vivien, hier lebte und arbeitete sie gemeinsam mit einem Dutzend anderer rumänischer Prostituierter. Die Frau, die Cristina hierher vermittelte, ist bereit, von ihr zu erzählen. Bevor sie nach Deutschland kam, habe Cristina in Spanien gelebt.

Wie viel Cristina als Escort-Lady Vivien verdiente, will die Frau nicht sagen. Laut einer vom Bundestag 2011 veröffentlichten Studie kommen Prostituierte auf durchschnittlich 200 Euro am Tag. Für ihren Zuhälter erwirtschaften sie jedoch zusätzlich rund 100 000 Euro jährlich. Darum, so erzählt ein Düsseldorfer Rotlicht-Insider, seien viele Mädchen erpicht, ihre Sex-Treffen irgendwann eigenständig zu vereinbaren, um für einen bestimmten Stammkundenkreis auf eigene Rechnung arbeiten zu können.

Auch Cristina soll ab Sommer 2011 diesem Modell gefolgt sein, erzählt ihre Rotlicht-Vermittlerin. An einigen Abenden ging sie anschaffen, an anderen feierte sie in den Düsseldorfer Clubs. „Sie war verrückt nach Partys, war immer unterwegs“, erzählt die Frau. Sie zog zu einer Freundin, ebenfalls eine Escort-Dame, in eine Wohnung nahe der Düsseldorfer Altstadt. „Sie schien glücklich“, sagt ihre Bekannte.

Warum musste Cristina sterben? „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich ihr Mörder in sie verliebt hat“, glaubt die Rotlicht-Dame. Dass er Cristina sehr geliebt habe, sagt auch der Verdächtige Arif D. Er sagt, ein anderer Mann habe seine Freundin getötet, während er in der Sauna des Hotels war. BILD am SONNTAG schrieb er am Freitag: „Ich werde mich in Kürze stellen“, er habe alle „Puzzleteile“ beisammen, um den Fall zu lösen. Er habe mit Cristina ein neues Leben in Rumänien beginnen wollen.

Die Staatsanwaltschaft bezweifelt die Theorie eines anderen Täters. Und auch in Salonta weiß niemand etwas von einem Mann aus Deutschland, den die junge Frau hätte mitbringen wollen.

In Rumänien schmückt ein großer Kranz aus roten Rosen Cristinas Grab. Die Farbe sticht heraus aus dem grauen Gestrüpp, das auf dem Friedhof wuchert. Am Tag ihrer Beerdigung fragt niemand nach dem Mörder. Heute nicht. Der Pastor sagt: „Cristina ist endlich heimgekommen.“

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